Lateinische Freundschaftsbücher
Austauschprojekt

Rund dreißig Schülerinnen und Schüler haben in den vergangenen Wochen an einem besonderen Austauschprojekt teilgenommen: Gleichaltrige von Lycée Pasteur aus Straßburg und NGL erkundeten lateinische Themen in den beiden Städten – und lernten sich dabei auch persönlich kennen.

Das Projekt, das etwa ein halbes Jahr in Vorbereitung lag, führte die Jugendlichen im Februar und März zunächst ins Stuttgarter Stadtarchiv und anschließend ins Stadtarchiv Straßburg. Im Mittelpunkt: In Stuttgart Alba Amicorum, Freundschaftsbücher des 16. Jahrhunderts, die als lateinischsprachige Vorläufer der heutigen sozialen Medien gelten können; in Straßburg eine lateinisch kommentierte Stadtansicht, der Morandt-Plan von 1548, daneben das Bellum Waltherianum, eine Chronik über die Schlacht von Hausbergen von 1262 und die Emanzipation der Straßburger Bürger sowie lateinische Kirchenbucheinträge aus der Familie des berühmten Straßburgers Jean-Baptiste Kleber.

 

Was dabei entstand, war mehr als ein klassischer Schulausflug. Die Begegnung mit jahrhundertealten Handschriften ließ die lateinische Sprache plötzlich lebendig werden – und das in mehrfacher Hinsicht.

 

Was die Schüler selbst sagen

Florentine fasst ihre Eindrücke so zusammen: „Mit alten Texten im Stadtarchiv zu arbeiten war faszinierend, weil man den Gedanken von Menschen aus der Vergangenheit direkt folgen konnte. Es ist so wichtig, Quellen selbst lesen und übersetzen zu können, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich nicht auf KI oder die Interpretation anderer zu verlassen.“

 

Für Lisa hat der Besuch im Archiv eine völlig neue Perspektive auf die lateinische Sprache gegeben: „Durch die persönlichen Einträge in den Alba Amicorum fühlte sich Latein plötzlich alltagsnah und emotional an – viel lebendiger als im normalen Unterricht.“

 

Lena hat fasziniert, „wie viel Mitgefühl und Freundschaft in den alten Freundschaftsbüchern stecken und dass diese Gefühle heute noch verständlich sind. Das zeigt, dass Sprache und zwischenmenschliche Kommunikation zeitlos sind – und Latein ist alles andere als eine ‚tote‘ Sprache.“

 

Annika hebt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit hervor: „Besonders gut gefallen hat mir die Zusammenarbeit mit den Schülern unserer französischen Partnerschule. Das gemeinsame Übersetzen in mehreren Sprachen hat neue Freundschaften entstehen lassen und das Projekt zu einem wirklich besonderen Spracherlebnis gemacht.“

 

Pädagogische Perspektiven

Das Projekt verfolgt einen klaren bildungspolitischen Anspruch: Es soll Schülern und Schülerinnen, die bislang ausschließlich Englisch als Fremdsprache gelernt haben, die Möglichkeit zu Austausch und europäischer Begegnung eröffnen – mit Latein als gemeinsamem Ausgangspunkt. Projektkoordinator Michael Rüdel betont: „Eine der wichtigsten Aufgaben der Schule ist es, junge Menschen unterschiedlicher nationaler und sozialer Herkunft miteinander ins Gespräch zu bringen. Projekte wie dieses schärfen das Bewusstsein für unseren gemeinsamen europäischen Raum und fördern mitfühlende, verantwortungsbewusste Persönlichkeiten.“ Die LinkedIn-Seite Latin Youth Exchange Projects dokumentiert derartige Initiativen.

 

Michael Herzog vom Stadtarchiv Stuttgart unterstreicht den besonderen Wert des forschenden Lernens im Archiv: „Forschendes Lernen im Archiv ermöglicht Teilnehmenden, unmittelbar mit den Grundlagen unserer Geschichte in Berührung zu kommen. Dies ermöglich ihnen, die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns in der Vergangenheit zu handlungsorientiert zu begreifen und mit komplexen Zusammenhängen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umzugehen – auch jenseits der Fragen des Latein- oder Geschichtsunterrichts.“

 

Dank an Archivteams und Förderer

Nadine Fouqué und Ute Schneider, die als Lateinlehrerinnen des NGL den Austausch mitorganisiert haben, blicken auf ein gelungenes Projekt zurück und danken ganz besonders den Teams der beiden Stadtarchive, ohne deren Engagement das Projekt nicht möglich gewesen wäre: Michael Herzog und Katharina Beiergrößlein in Stuttgart sowie Gilles Le Berre und Marie Beil in Straßburg. Ermöglicht wurde das Projekt vor allem auch durch die großzügige Unterstützung seiner Förderer: die Stiftung Humanismus heute, die Abteilung Außenbeziehungen der Landeshauptstadt Stuttgart sowie den Schulverein des NGL.

 

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